Verbot von Online-Casinos auf dem Prüfstand

Nov 20, 2018

Der Geltungszeitraum des Glücksspieländerungsstaatsvertrages endet im Jahr 2021. Um den Bereich des Glücksspiels nicht in einen rechtsfreien Raum zu entlassen, sollten sich die 16 Bundesländer auf einheitliche Regeln verständigen. Eine der Hauptschwierigkeiten ist dabei der zukünftige Umgang mit dem Bereich des Online-Glücksspiels. Dazu zählt neben Online-Lotterien, Online-Poker und Online-Sportwetten vor allem der Bereich der sogenannten Online-Casinos. Bis zum Auslaufen der aktuellen Regelungen ist zwar noch etwas Zeit, die Weichen für die Ausgestaltung des neuen Vertragswerkes werden jedoch jetzt gestellt.

Nach gegenwärtiger Rechtslage ist die Veranstaltung von Online-Glücksspielen in Deutschland untersagt. Einzige Ausnahme bilden die Vermittlung von landeseigenen Lotterien sowie die lediglich geduldete Vermittlung und Veranstaltung von Sportwetten. Das einst schwarz-gelb geführte Schleswig-Holstein hat mit seinem Alleingang im Jahr 2012, dem Austritt aus dem Glücksspielstaatsvertrag und dem Zulassen von Online-Casinospielen, die Einheit der Bundesländer in dieser Angelegenheit gespalten. Ein Vorgehen gegen die in der übrigen Bundesrepublik weiterhin illegalen Angebote wurde ab diesem Zeitpunkt ungleich schwerer. Inzwischen machen sich auch die Bundesländer Hessen und Nordrhein-Westfalen für eine Liberalisierung des Online-Glücksspielmarktes stark.

Soziale Kosten vs. wirtschaftliches Profitstreben

Grundsätzlich sind Online-Glücksspiele unterschiedlich gefährlich für die Gesundheit der Spieler*innen. Online-Casinospiele gelten jedoch als Glücksspiele mit sehr hohem Gefährdungspotenzial hinsichtlich dem Entstehen einer Glücksspielsucht. Insbesondere die sehr kurze Spieldauer, die schnelle Spielabfolge, multiple Spiel- und Einsatzgelegenheiten, spannungserzeugende Effekte und die ständige Verfügbarkeit über Smartphone und Computer sind diesbezüglich schwerwiegende Merkmale. Letztendlich werden die hoch gefährlichen Automatenspiele aus den Spielhallen und Kneipen in die heimischen Wohnzimmer und an die Arbeitsplätze der Bevölkerung transportiert. Der Hamburger Volkswirt Ingo Fiedler zeigte bereits 2016, dass die durch Glücksspielsucht entstehenden Folgekosten die positiven Effekte des Glücksspiels auf die Volkswirtschaft übersteigen. Einzig Lotterien weisen eine positive Wohlfahrtsbilanz auf.

Online-Glücksspiel im Film

Online-Casinos erwirtschafteten im Jahr 2016 Bruttospielerträge in Höhe von knapp 1,3 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Das lässt die Branche aktiv werden. Die Glücksspielwerbung in diesem Bereich ist vor allem im Privatfernsehen weit verbreitet. Für Zuschauer ist dabei nicht ersichtlich, dass es sich um illegale Glücksspielangebote handelt. Ähnlich wie vor zehn Jahren im Bereich der Sportwetten, werden die Marketingkampagnen zunehmend perfider und ausufernder. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der erste B-Promi als Zugpferd vor den Werbekarren spannen lässt. Zukünftig wird zudem vermehrt mit Auftragsstudien aus der Branche zu rechnen sein, die eine vermeintliche Harmlosigkeit von Online-Casinos belegen sollen. Die von der Industrie präferierte Lischer-Studie kann man als ersten Anhaltspunkt dafür sehen. Branchenvertreter der Automatenindustrie fordern die Legalisierung von Online-Casinos, sie rechnen mit einem Umsatzpotenzial von 7 Milliarden Euro. Jüngst gründete sich ein Online-Casinoverband mit altbekannten Paladinen aus etablierten Glücksspielbereichen. Nicht zu vergessen, bei manchem Volksvertreter sind die zu erwartenden Steuereinnahmen natürlich willkommenes Mittel zum Auffüllen der Staatskasse.

Anbieter durch Glücksspielaufsichten kaum zu bremsen

Insgesamt erinnert die gegenwärtige Situation im Bereich der Online-Casinos an das Vorgehen der Branche im Sportwettbereich. Spätestens mit dem Inkrafttreten des Ersten Glücksspieländerungsstaatsvertrages im Jahr 2012 wurden hier Tatsachen geschaffen, Politik und Verwaltung reagieren seit dieser Zeit nur noch und laufen der Entwicklung hinterher. Nahezu jeder private Sportwettanbieter auf dem deutschen Markt betreibt heute Online-Casinos, bewusst und illegal in 15 Bundesländern. Aus Sicht der Thüringer Fachstelle GlücksSpielSucht disqualifizieren sich diese Anbieter für den Erhalt der noch ausstehenden Sportwettlizenzen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Privatwirtschaft mit den aktuell verfügbaren Mitteln der Glücksspielaufsichten kaum im Zaum zu halten sein wird. Der wirtschaftlichen Ausbeutung der Glücksspieler*innen ohne ausreichende staatliche Kontrolle ist damit Tür und Tor geöffnet. Wie diese Branche tatsächlich arbeitet, lässt sich in einem ausführlich recherchierten Artikel auf www.finanzmarktwelt.de nachvollziehen. Hier werden fragwürdige Geschäftspraktiken eines Anbieters detailliert dokumentiert, die Kraftlosigkeit der Aufsichten angerissen und Hilfemöglichkeiten für abgezogene Spieler*innen genannt.

Öffnung des Marktes erhöht Gefahrenpotenzial von Online-Casinos

Letztendlich ist davon auszugehen, dass die Öffnung des Marktes für Online-Casinos und andere Online-Glücksspiele deren Gefahrenpotenzial noch zusätzlich steigert. Die Legalisierung erhöht die Verfügbarkeit und sie trägt zur Normalisierung dieser Glücksspielformen bei, die gesellschaftliche Akzeptanz steigt. Für die Anbieter vereinfacht sich damit die Kundenakquise deutlich. Aus suchtfachlicher Sicht braucht es darum vor einer möglichen Legalisierung aussagekräftige Studien, die eine sachliche Risiko-Nutzen-Abwägung gestatten sowie funktionierende Instrumente zur Durchsetzung des Jugend- und Spielerschutzes im gesamten Online-Bereich.

An der Entscheidung für oder gegen die Legalisierung von Online-Casinos lassen sich schließlich bestehende gesellschaftliche Normen und Werte ablesen. Stellen wir in der Bundesrepublik von 2021 finanzielle Interessen von Glücksspielanbietern und Staat über den Schutz der Spieler*innen? In wie weit sind wir bereit uns an die selbst aufgestellten Regeln zu halten? Gelten die Ziele des Glücksspielstaatsvertrages noch? Oder anders gesagt: Ist für uns kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolg zu Lasten langfristiger sozialer Kosten hinnehmbar und akzeptabel?

Quellen:
Fiedler, I.: Glücksspiele – Eine verhaltens- und gesundheitsökonomische Analyse mit rechtspolitischen Empfehlungen. Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2016

Jahresreport der Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder 2014, 2015, 2016.

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