Werbung und Suchtprävention
Jede Art von Glücksspiel-Werbung steht in einem Spannungsverhältnis zu den besonders
wichtigen Zielen der Suchtprävention sowie einer effektiven Abwehr von Suchtgefahren. So
verfolgen Werbeaktivitäten immer den Zweck, Neukundinnen und Neukunden zu gewinnen
bzw. Vielspielerinnen und Vielspieler dauerhaft zu binden. Die damit einhergehenden Kollateralschäden,
wie etwa die normalisierende Darstellung eines Produkts mit Suchtrisiken in
der breiten Öffentlichkeit, die Förderung unrealistischer Gewinnerwartungen oder das Anstoßen
von Rückfallprozessen bei glücksspielsüchtigen Personen, widersprechen gängigen
gesundheitspolitischen Zielen in fundamentaler Weise.

Werbeverbote und Werbebeschränkungen
Dementsprechend hat der Fachbereit Glücksspielsucht in seiner Stellungnahme zum Entwurf
des Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrags unlängst gefordert, Werbung für Glücksspiele
aus Gründen des Jugend- und Spielerschutzes auf ein absolutes Minimum zu begrenzen.
Eine aktuelle Forschungssynthese untermauert diese Einschätzung. Zum einen beeinflussen
die Werbeformate und -inhalte vor allem besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen,
wie z. B. Heranwachsende und Personen mit einem problematischen Glücksspielverhalten.
Zum anderen weisen neuere empirische Befunde darauf hin, dass ein erhöhtes Ausmaß an
Werbeexposition mit häufigem bzw. riskantem Glücksspielverhalten assoziiert ist.

Werbung in der Corona-Krise
Vor diesem Hintergrund sind aktuelle Fehlentwicklungen auf dem deutschen Glücksspielmarkt
im Zuge der Corona-Pandemie in aller Deutlichkeit zu beanstanden. Während das terrestrische
Glücksspielangebot aufgrund der Schließung von Spielhallen, Gaststätten, Wettbüros
und Spielbanken derzeit weitestgehend brach liegt und internetgestützte Sportwetten
wegen des umfassenden Verbots von Sportveranstaltungen so gut wie keine Rolle spielen,
mehren sich Hinweise, dass die hierzulande zumeist illegalen Online-Casinoanbieter aus dieser
Situation Kapital schlagen wollen. Verschiedenen Presseberichten zufolge kann nicht nur eine deutliche Zunahme an Werbung für Online-Casinos beobachtet werden. Vielmehr stehen
auch Art und Zuschnitt der Werbung, so der geradezu zynisch anmutende Slogan „Stay
Safe – Bet at Home“, massiv in der Kritik. Zu Recht hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung
auf diesen Missstand hingewiesen und das Werbeverhalten der Anbieter als
„schlichtweg skrupellos“ bezeichnet. Dieser Einschätzung schließt sich der Fachbeirat
Glücksspielsucht vorbehaltlos an.
Da von Online-Casinospielen aufgrund ihrer spezifischen Veranstaltungsmerkmale vergleichsweise
hohe Suchtgefahren ausgehen, dürften die expansiven Werbetätigkeiten in
diesem Marktsegment nicht nur zu einer generellen Steigerung der Online-
Glücksspielaktivitäten in der Allgemeinbevölkerung führen. Zugleich liegt die Vermutung
nahe, dass sich ein signifikanter Anteil der Glücksspielenden „verzockt“ und zumindest temporär
glücksspielbezogene Probleme entwickelt.

Werbeverbot in der Corona-Krise
Infolgedessen sind derzeit Bestrebungen in verschiedenen europäischen Ländern erkennbar,
während der Corona-Pandemie Werbung für Internet-Glücksspiele zu beschränken oder
ganz auszusetzen bzw. den Spielerschutz im Allgemeinen zu stärken. Zum Beispiel sind bestimmte
Werberestriktionen in Spanien an die Dauer der Ausgangssperre gekoppelt. In
Finnland sollen zukünftig schärfere Verlustlimits greifen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang
auch die Ankündigung des „Betting and Gaming Council“, einer Interessenvertretung
britischer Glücksspielunternehmen, während des Lockdowns freiwillig auf TV- und
Radiowerbung zu verzichten.
Bedauerlicherweise sind derartige Bestrebungen in Deutschland bislang weder von der
Glücksspielaufsicht noch von den Glücksspielanbietern erkennbar. Daher fordert der Fachbeirat
Glücksspielsucht dazu auf, sich an den Vorgehensweisen anderer Länder zu orientieren
und zum schnellstmöglichen Zeitpunkt Werbung für alle Formen des Online-
Glücksspiels auszusetzen. Dies gilt sowohl für Radio- und TV-Spots als auch für Werbeaktivitäten
in Social-Media-Kanälen sowie das Affiliate-Marketing. Gleichfalls sollte die liberale
Haltung zur Glücksspiel-Werbung im Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag überdacht
und im Sinne des Jugend- und Spielerschutzes geändert werden.

zur Stellungnahme (PDF)